Heute mal einiges Gedanken zu einem neuen Trend der „Ehrlichkeit“ im Umgang mit Kindern mit Autismus und PDA-Profil
Ich habe heute einen Beitrag gelesen, der mich aus fachlicher Sicht und vor allem mit Blick auf das Kindeswohl sehr beschäftigt hat. Sinngemäß lautete die Botschaft: Damit ein Kind mit PDA-Profil zuhört und versteht, müssten Eltern ehrlich zu sich selbst und ihrem Kind sein. Wenn sie nicht mehr können, am Limit sind, keine Lust mehr haben, genervt oder erschöpft sind, sollten sie das auch genau so sagen. Andernfalls werde das Kind so lange im Fight-Modus bleiben, bis die Eltern zusammenbrechen. Am Ende brauche das Kind „nur“ die Wahrheit.
Ich kann nachvollziehen, warum eine solche Aussage Resonanz findet. Die Elternschaft von Kindern mit Autismus und insbesondere mit einem PDA-Profil ist für viele Familien mit einer erheblichen Belastung verbunden. Viele Eltern haben über lange Zeit erlebt, dass herkömmliche Erziehungsansätze nicht funktionieren. Aufforderungen, Konsequenzen, Belohnungen oder immer neue Motivationsversuche führen nicht selten zu noch mehr Widerstand, Eskalation und Stress. Der Low-Demand-Ansatz kann hier einen wichtigen Perspektivwechsel ermöglichen: Nicht jede Anforderung muss durchgesetzt werden. Nicht jede Erwartung ist in diesem Moment notwendig. Anforderungen können angepasst, anders formuliert, zeitlich verändert oder auch einmal ganz zurückgenommen werden, wenn sie für die Situation keinen ausreichenden Sinn ergeben.
Dieser Perspektivwechsel ist aus meiner Sicht ausgesprochen wertvoll. Und gerade deshalb halte ich es für wichtig, ihn nicht mit einer Haltung zu verwechseln, in der Anforderungen grundsätzlich verschwinden und das gesamte Umfeld dauerhaft um die Vermeidung von Stress beim Kind organisiert wird.
An dieser Stelle wird es passiert oft folgendes auf der einen Seite werden Anforderungen immer weiter reduziert, teilweise wird das gesamte Familienleben sehr umfassend um die Regulation des Kindes herum geplant. Auf der anderen Seite taucht nun ein Gegenpol auf, der sinngemäß sagt: Sei einfach radikal ehrlich mit deinem Kind. Sag ihm, dass du nicht mehr kannst, dass du genervt bist, dass du keine Kapazitäten mehr hast – und dann wird es dich verstehen.
Ich glaube, dass wir hier sehr genau und auch kritisch hinschauen müssen. Denn Ehrlichkeit sollte nicht mit ungefilterter emotionaler Offenlegung verwechseln werden.
Kinder brauchen authentische Erwachsene. Sie müssen nicht glauben, dass ihre Eltern immer entspannt, geduldig und gut gelaunt sind. Im Gegenteil: Es kann für Kinder sehr hilfreich sein, wenn Erwachsene ihre eigenen Zustände wahrnehmbar und verständlich machen. Gerade Kinder, die sehr sensibel auf die Stimmung, Körpersprache und Veränderungen ihrer Bezugspersonen reagieren, können davon profitieren, wenn wir das, was sie ohnehin wahrnehmen, sprachlich einordnen.
Ein „Ich bin heute ziemlich erschöpft und brauche deshalb eine Pause“ kann sehr viel Sicherheit schaffen. Das Kind muss dann nicht rätseln, warum der Erwachsene anders spricht oder weniger belastbar wirkt. Der Erwachsene wird lesbarer und damit auch vorhersehbarer.
Ich würde deshalb nicht dafür plädieren, eigene Gefühle vor Kindern zu verbergen. Im Gegenteil: Authentizität und emotionale Transparenz können ein wichtiger Teil einer sicheren Beziehung sein.
Aber Authentizität bedeutet nicht, jedes Gefühl ungefiltert beim Kind abzuladen. Und Ehrlichkeit bedeutet nicht, dass alles, was ein Erwachsener empfindet, zu einer Information werden muss, die das Kind verarbeiten oder auf die es reagieren soll.
Vielleicht ist Wahrhaftigkeit hier der passendere Begriff. Wahrhaftigkeit bedeutet für mich, dass das, was wir sagen und tun, mit unserem tatsächlichen Erleben in Einklang steht. Gleichzeitig bleibt die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern asymmetrisch: Der Erwachsene trägt die Verantwortung dafür, wie er mit seinen eigenen Gefühlen und Grenzen umgeht.
Das ist ein entscheidender Punkt.
Ein Elternteil kann sagen: „Ich merke, dass ich gerade keine Kapazität mehr habe. Ich brauche eine Pause.“ Das ist eine ehrliche Information über den eigenen Zustand.
Es ist etwas anderes, zu sagen: „Ich kann wegen dir nicht mehr“ oder „Du bringst mich gerade an meine Grenze.“
Auch wenn diese Aussage aus einer realen Erschöpfung heraus entsteht, bekommt das Kind damit eine andere Botschaft. Es kann daraus ableiten: Mein Verhalten ist verantwortlich dafür, wie es meinem Elternteil geht. Wenn ich mich anders verhalte, geht es meinem Elternteil besser.
Und genau diese Verantwortungsverschiebung halte ich für problematisch.
Wir Erwachsenen haben dafür zu sorgen, dass wir – so weit es unter den jeweiligen Bedingungen möglich ist – reguliert bleiben. Natürlich gelingt uns das nicht immer. Wir werden laut, wir werden ungeduldig, wir sind erschöpft und manchmal überfordert. Das gehört zum menschlichen Miteinander. Aber wenn unsere Regulation nicht mehr gelingt, brauchen wir als Erwachsene Unterstützung und Entlastung. Wir können diese Verantwortung nicht an das Kind delegieren.
Das gilt auch für Kinder mit einem PDA-Profil. Wenn ein Kind in den Fight-Modus gerät, weil eine Situation für es mit einem hohen Maß an Stress, Kontrollverlust oder wahrgenommenem Druck verbunden ist, dann ist es nicht hilfreich, ihm zusätzlich die emotionale Last des Erwachsenen zu übertragen. Ein Kind sollte nicht lernen müssen: „Ich muss aufpassen, dass Mama nicht zusammenbricht.“
Gerade Kinder, die sehr aufmerksam auf die emotionale Verfassung ihrer Bezugspersonen reagieren, können eine solche Verantwortung sehr schnell übernehmen. Sie beobachten dann nicht nur ihre eigene Regulation, sondern zunehmend auch die des Erwachsenen. Sie passen sich an, vermeiden Konflikte, stellen eigene Bedürfnisse zurück oder versuchen, die Stimmung in der Familie zu stabilisieren.
Das kann von außen wie eine gelungene Kooperation aussehen. Tatsächlich kann es aber auch eine Form von Überanpassung sein.
Deshalb halte ich den Satz, ein Kind brauche „nur die Wahrheit“, für zu kurz gegriffen. Kinder brauchen Wahrheit – aber sie brauchen eine entwicklungsangemessene, wahrhaftige und verantwortungsvoll vermittelte Wahrheit. Sie dürfen wissen, dass ein Elternteil erschöpft ist. Sie dürfen wissen, dass Erwachsene Grenzen haben. Sie dürfen erleben, dass Menschen unterschiedliche Gefühle haben und diese benennen können.
Sie müssen diese Gefühle jedoch nicht lösen.
Und damit komme ich zu einem zweiten Punkt, der mir im Zusammenhang mit dem Low-Demand-Ansatz wichtig erscheint.
Low Demand bedeutet nicht, dass Anforderungen grundsätzlich abgeschafft werden. Der Ansatz bedeutet vielmehr, Anforderungen kritisch zu betrachten und sie dort zu reduzieren oder anzupassen, wo sie unnötigen Druck erzeugen oder die vorhandenen Regulationsmöglichkeiten des Kindes übersteigen. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen ein Kind wieder Zugang zu seinen Fähigkeiten und zu seiner Kooperationsfähigkeit bekommt.
Das ist etwas anderes, als das gesamte Leben so zu organisieren, dass das Kind möglichst niemals mit einer Anforderung, einer Grenze, einer Frustration oder einer Zumutung konfrontiert wird.
Denn auch Anforderungen gehören zum Leben.
Kinder müssen nicht vor jeder Schwierigkeit geschützt werden. Sie brauchen vielmehr die Erfahrung, dass Schwierigkeiten bewältigbar sind. Sie brauchen Situationen, in denen sie Entscheidungen treffen, Einfluss nehmen, etwas ausprobieren, scheitern, erneut versuchen und schließlich feststellen können: Ich kann etwas bewirken. Ich kann etwas schaffen. Ich kann mit einer schwierigen Situation umgehen.
Das ist Selbstwirksamkeit.
Und genau diese Selbstwirksamkeit halte ich für einen wichtigen Aspekt, wenn wir über die langfristige Entwicklung von Kindern sprechen. Wenn wir aus Angst vor Überforderung immer mehr Anforderungen vermeiden und immer mehr Bereiche des Alltags für das Kind vorstrukturieren und erleichtern, kann irgendwann genau das verloren gehen, was wir eigentlich stärken möchten: das Erleben von eigener Handlungsfähigkeit.
Hier kommt auch das Konzept des Kohärenzgefühls ins Spiel. Antonovsky beschreibt damit vereinfacht das grundlegende Erleben, dass die Welt verstehbar, handhabbar und sinnvoll ist. Kinder entwickeln dieses Gefühl nicht dadurch, dass die Welt für sie dauerhaft von allen Anforderungen und Schwierigkeiten befreit wird. Sie entwickeln es auch dadurch, dass sie erleben: Ich kann verstehen, was passiert. Ich kann Einfluss nehmen. Ich bekomme Unterstützung, wenn etwas schwierig ist. Und ich kann selbst etwas bewältigen.
Natürlich bedeutet das nicht, Kinder mit Anforderungen zu konfrontieren, die sie gerade nicht bewältigen können.
Unsere Aufgabe besteht darin, zwischen Überforderung und Entwicklungsmöglichkeit zu unterscheiden.
Wann ist eine Anforderung tatsächlich unnötiger Druck?
Wann braucht es eine Anpassung?
Wann braucht es eine Pause?
Wann braucht es Co-Regulation?
Wann kann eine Aufgabe anders gestaltet werden?
Und wann ist es vielleicht auch wichtig, einem Kind zu ermöglichen, die Erfahrung zu machen: „Das ist schwierig, aber ich kann es schaffen“?
Diese Differenzierung erscheint mir wesentlich.
Denn wenn wir das Verhalten eines Kindes ausschließlich unter dem Gesichtspunkt betrachten, welche Anforderungen Stress auslösen könnten, besteht die Gefahr, dass wir ungewollt immer mehr Anforderungen aus dem Leben des Kindes entfernen. Dann wird zwar der kurzfristige Stress reduziert, gleichzeitig können aber langfristig Erfahrungsräume für Autonomie, Kompetenz und Selbstwirksamkeit kleiner werden.
Das bedeutet nicht, dass Eltern „zu viel“ vermeiden oder „zu wenig“ fordern. Es bedeutet vielmehr, dass wir als Fachkräfte immer wieder prüfen müssen, welche Anpassung dem Kind tatsächlich hilft, handlungsfähiger zu werden – und welche Anpassung möglicherweise dazu führt, dass das Kind immer stärker darauf angewiesen ist, dass seine Umwelt Schwierigkeiten für es beseitigt.
Diese Frage ist gerade deshalb wichtig, weil viele Eltern von Kindern mit PDA-Profil unter einem enormen Druck stehen. Sie sind häufig nicht auf der Suche nach einem theoretischen Konzept, sondern nach etwas, das ihren Alltag überhaupt wieder möglich macht. Wenn ein bestimmter Ansatz zum ersten Mal eine Eskalation verhindert, kann es verständlicherweise sehr attraktiv sein, diesen Weg immer weiterzugehen.
Deshalb möchte ich auch ausdrücklich nicht über Eltern urteilen, die Anforderungen sehr weitgehend reduzieren. Viele tun dies aus einer echten Not heraus. Sie haben vielleicht erlebt, dass jede andere Strategie zu Konflikten geführt hat, und versuchen nun, ihr Kind überhaupt wieder zu erreichen.
Gerade diese Eltern brauchen Unterstützung und Entlastung – nicht den nächsten Vorwurf.
Und sie brauchen aus meiner Sicht auch die Erlaubnis, ihre eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen.
Denn hier liegt möglicherweise ein weiterer Widerspruch, den wir uns anschauen sollten: Wenn einerseits das gesamte Familienleben so stark an die Bedürfnisse und Regulationsmöglichkeiten des Kindes angepasst wird, dass Eltern ihre eigenen Grenzen kaum noch berücksichtigen, und andererseits dann empfohlen wird, dem Kind diese Erschöpfung sehr direkt mitzuteilen, entsteht eine problematische Verschiebung.
Der Erwachsene hat sich zunächst immer weiter zurückgenommen und die eigene Belastung kaum berücksichtigt. Anschließend wird dem Kind die daraus entstandene Erschöpfung mitgeteilt – möglicherweise verbunden mit der Erwartung, dass das Kind nun durch sein verändertes Verhalten zur Entlastung des Erwachsenen beiträgt.
Das kann nicht die Lösung sein.
Eltern brauchen ebenfalls Raum.
Sie brauchen Grenzen. Sie brauchen Unterstützung. Sie dürfen sagen: „Das schaffe ich heute nicht.“ Sie dürfen eine Pause benötigen. Sie dürfen sich darüber ärgern, dass eine Situation gerade schwierig ist. Und sie dürfen Hilfe einfordern.
Aber diese Entlastung muss auf der Erwachsenenebene stattfinden.
Nicht das Kind sollte dafür sorgen, dass der Erwachsene wieder Kapazitäten hat.
Wenn ein Elternteil tatsächlich am Limit ist, ist die fachlich relevante Frage deshalb nicht nur: „Wie können wir die Anforderungen an das Kind weiter reduzieren?“, sondern auch: „Was brauchen die Erwachsenen, damit sie diese Familie langfristig tragen können?“
Das kann bedeuten, Aufgaben anders zu verteilen, Unterstützung im Umfeld zu organisieren, professionelle Hilfen einzubeziehen oder die bisherigen Erwartungen an den Familienalltag zu überprüfen. Es kann auch bedeuten, anzuerkennen, dass ein bestimmtes System auf Dauer so nicht funktionieren kann.
Das ist keine Schuldfrage.
Es ist eine Frage von Verantwortung. Genau darin sollte eine wichtige Weiterentwicklung unserer Diskussion über neurodivergente Kinder liegen: Wir müssen aufhören, zwischen „Das Kind muss sich anpassen“ und „Die Umwelt muss sich vollständig an das Kind anpassen“ zu denken.
Beides wird nicht den Entwicklungsbefürfnissen der Kinder gerecht.
Kinder brauchen eine Umwelt, die ihre Besonderheiten versteht und berücksichtigt. Sie brauchen Erwachsene, die unnötigen Druck erkennen und Anforderungen angemessen anpassen. Sie brauchen Schutz vor Überforderung und Menschen, die ihre Stresssignale lesen können.
Aber sie brauchen ebenso die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, Autonomie und Kompetenz. Sie brauchen die Möglichkeit, etwas selbst zu bewirken und Herausforderungen in einem für sie bewältigbaren Rahmen zu erleben.
Und sie brauchen Erwachsene, die ihre eigenen Grenzen kennen und dafür Verantwortung übernehmen.
Bitte hinterfragt die Inhalte auf Insta kritisch und geht verantwortungsvoll mit dem um, was ihr in die Welt tragt.