Geschwisterkinder

Geschwisterkinder

Geschwister von Kindern mit Behinderung

Die Geschwister behinderter und chronisch kranker Kinder werden bisher in der Gesellschaft wenig wahrgenommen. Die psychosoziale Versorgung gilt meist direkt und ausschließlich den erkrankten oder behinderten Kindern und ihren Eltern, als unmittelbaren Bezugspersonen.

Dies hat zweierlei Ursachen. Die Eltern sind so sehr auf das beeinträchtigte Kind fokussiert, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, dass ihren gesunden Kindern eventuell etwas fehlen könnte oder sie unter der familiären Situation leiden. Sie lassen ihre gesunden Kinder im Alltag mitlaufen und sind froh, wenn diese funktionieren und gute Leistungen in der Schule vollbringen.

Eine andere Ursache ist, dass das Versorgungssystem noch nicht auf die Begleitung der Geschwister vorbereitet ist.

Die Geschwisterkinder werden höchstens als Ressource für das beeinträchtigte Kind in die Arbeit mit der Familie einbezogen. Es gibt kaum pädagogische Konzepte, die die Stärkung der Geschwisterkinder von beeinträchtigten Kindern konkret aufgreift.

Die Beziehungen zwischen Geschwistern sind einzigartig. Sie sind die am längsten anhaltenden Beziehungen, die ein Mensch haben kann, daher sollte ihnen eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Die Art und das Ausmaß der Behinderung und Erkrankung können die Möglichkeiten der Qualitätsentwicklung einer Geschwisterbeziehung bestimmen. Es zeigt sich, dass mit der Stärke der Beeinträchtigung der Kinder, auch die Problembelastung in der Familie zunimmt, wodurch die Qualität der Geschwisterbeziehung besonders beeinflusst wird. Insbesondere in Familien, für die sich die Versorgungsaufgabe des Kindes besonders schwer gestalten, fällt es den Geschwisterkindern schwerer eine gute Beziehung zu ihren beeinträchtigten Geschwistern aufzubauen. In gut organisierten, sicheren Familiensystemen tendieren Geschwisterkinder dazu, das positive elterliche therapeutisch versorgende Verhalten zu übernehmen, was zu einem gewissen Grad auch die Beziehungsqualität zu dem beeinträchtigten Kind verbessern kann, da dadurch ein engerer Kontakt entsteht.

Eine hingegen negative Reaktion der Eltern auf die Geburt eines beeinträchtigten

Kindes und enorm belastetes Familiensystem, kann bei älteren Geschwistern zu Schuld- und Abwehrreaktionen führen und die Beziehung zu dem Geschwisterkind deutlich negativ beeinflussen.

Es hat sich in verschiedenen Studien gezeigt, dass insbesondere die Zufriedenheit der Mutter mit ihren Möglichkeiten soziale Kontakte zu pflegen, sowie ihre Einstellung gegenüber der Behinderung oder Erkrankung des Kindes, Auswirkungen auf die Einstellung der Geschwister hat.

Die Interaktion zwischen einem beeinträchtigten Kind und seinen Geschwistern, ist oft durch deren Hilfestellungen geprägt. Die Geschwister erklären dem Kind oft etwas und nehmen in der gemeinsamen Interaktion viel Rücksicht auf deren Bedürfnisse. Bei Streitigkeiten ziehen sich die nichtbehinderten Kinder meist zurück, da sie erfahren haben, dass ihre Eltern diese Streitigkeiten nicht dulden und sie als die „stärkeren oder vernünftigeren“ getadelt werden.

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Konfrontation mit „schweren“ Gefühlen (Leid, Angst, Trauer, Mitleid)

Kinder die mit einem chronisch erkrankten oder behinderten Kind aufwachsen, werden meist sehr früh mit Leid konfrontiert. Dieses Leid kann vielseitig angelegt sein. Einerseits erleben sie vielleicht die körperliche Einschränkung und Zerbrechlichkeit, sowie ständige medizinische und therapeutische Betreuung ihrer Geschwister. Andererseits sind sie auch mit emotionalem Leid konfrontiert. Dies erleben sie meist noch viel unmittelbarer und sogar an sich selbst. Sie spüren die Blicke der Menschen, welche ihre Geschwister vielleicht auf sich ziehen und werden zum Teil auch mit diskriminierenden Aussagen konfrontiert. Aber sie erleben auch das emotionale Leid ihrer Eltern, die vielleicht mit ihrer Kraft oft fast am Ende sind und sich viele Sorgen machen und nicht zuletzt erleben sie vielleicht auch das emotionale Leid ihrer chronisch kranken oder behinderten Geschwister, die über ihre Situation und eigene Unzulänglichkeit verzweifelt oder enttäuscht sind. Verstärkt wird diese Wahrnehmung von Leid zusätzlich durch die gesellschaftlichen Anforderungen, welche nach Gesundheit, Stärke und Intelligenz verlangen, jedoch im Widerspruch zum täglichen familiären Erleben dieser Kinder stehen. Hier besteht die Gefahr, dass sich die Kinder für ihre Familie von ihrer Außenwelt diskriminiert oder sogar bedroht fühlen und mit sozialem Rückzug oder sogar Depression reagieren. Es besteht aber auch eine Chance im Erleben dieses Leids. Viele Kinder gewinnen dadurch an innerer Stärke und Reife. Sie setzen sich verstärkt für die Rechte benachteiligter Menschen ein und lernen viele für andere Menschen selbstverständliche Dinge wertzuschätzen.

Viele Kinder haben auch große Angst davor selber krank oder behindert zu sein oder zu werden. Sie machen sich im Gegensatz zu anderen Kindern schon sehr früh bewusst, dass körperliche Unversehrtheit durchaus vergänglich ist. Oft entsteht auch die Frage und Angst davor, ob vielleicht das eigene Kind mit einer Behinderung oder Erkrankung zur Welt kommt, da es vielleicht in den Genen liegt.

Geschwister im Allgemeinen vergleichen sich sehr stark miteinander. Dieser Vergleich gehört zur Entwicklung dazu und in Familien mit gesunden Kindern, nehmen diese ganz selbstverständlich wahr, dass Ähnlichkeiten untereinander bestehen. In Familien mit einem behinderten oder chronisch kranken Kind, können diese Ähnlichkeiten eher bedrohlich wirken, da sie mit der Angst vor einer drohenden Erkrankung oder Behinderung verbunden werden.

Die Angst, die die Kinder erleben hat jedoch nicht nur mit der Angst vor dem Verlust der eigenen Unversehrtheit zu tun, sondern sehr viele Kinder haben auch große Angst um ihr beeinträchtigtes Geschwisterkind. Diese Angst besteht insbesondere bei Kindern mit Geschwisterkindern die keine hohe Lebenserwartung oder ein sehr schwaches Immunsystem haben. Die Kinder erfassen oft nicht die Gefahr der Krankheit an sich, spüren jedoch in jedem Fall die Angst der Eltern, die sich auch auf sie überträgt. Viele Kinder, insbesondere die Älteren machen sich auch häufig Sorgen um die Zukunft ihrer Geschwisterkinder. Diese Sorgen umfassen alle Lebensbereiche, wie den Gesundheitszustand, bis hin zu Möglichkeiten eines Berufs oder einer Partnerschaft für ihr Geschwisterkind.

Neben der Angst, spielen auch Trauer und Mitleid in der Geschwisterbeziehung von Kindern mit chronisch kranken oder beeinträchtigten Kindern eine wichtige Rolle. Trauer beinhaltet dabei ganz verschiedene Aspekte. Ein Aspekt ist die Trauer darüber, dass das Kind vielleicht nie so mit seinem Geschwisterkind spielen kann, wie es sich das wünschen würde. Trauer entsteht auch dann, wenn es dem Geschwisterkind nicht gut geht. Oft weinen die Kinder dann mit oder sogar stellvertretend für ihre Geschwister. Oft sind die Kinder auch mit ihren Eltern traurig, wenn sie merken wie enttäuscht diese sind, weil wieder etwas nicht klappt oder dass sie sich Sorgen machen. Bei vielen Kindern geht das Gefühl des Traurigseins auch eng mit Mitleid einher.

 

Ein Auszug aus meinem Buch: 

Jimenez, Susanne (2013): Geschwister von Kindern mit Behinderung oder schwerer chronischer Erkrankung in der Familie: Ansätze der sozialen Arbeit und Heilpädagogik. Diplomica Verlag, Hamburg, ISBN-10: 3842890877 ISBN-13: 978-3842890879

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