Schule

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Intrinsische Motivation als Schlüssel zum Lernen

Unser sechsjähriger besuchte nun seit 1,5 Wochen den Hort und sollte nach den Sommerferien eingeschult werden. Zeitgleich zum Hortstart bekam er ein paar neue Fußballschuhe, natürlich wollte er diese direkt anziehen. In meinem Kopf hatte ich schon sofort den Gedanken: „lieber nicht, du kannst noch keine Schleife und wer weiß, ob dir geholfen wird“. Er trug die Schuhe bereits das ganze Wochenende und versuchte verzweifelt immer wieder allein die Schleife zu binden. Er wollte keine Hilfe, er wollte es allein schaffen.

Also fielen meinen „Anleitungen“ immer nur sehr kurz aus und am Ende war er einfach sauer und dann ging nichts mehr. Also machte ich ihm die Schleife. Montag bis Mittwoch ging mein sonst eher schüchternes Kind, stolz und selbstbewusst mit seinen neuen Schuhen in den Hort und verbrachte dort eine gute Zeit. Donnerstag holte ich ihn ab und schon am Ausgang berichtete er mir mit Tränen in den Augen „Morgen darf ich die Schuhe nicht mehr anziehen, die Erzieherin sagt, wir dürfen nur Schnürschuhe tragen, wenn wir Schleife können.“ Wie schade, dass sich meine Befürchtungen bewahrheitet hatten. Ich war so sauer.

Wie soll ein Kind, das nie Schnürschuhe tragen darf, motiviert sein, eine Schleife zu lernen? Was kann es besseres geben, als einem Kind durch das gemeinsame Schleife binden an den Schuhen, die es gerade liebt, die ihn stolz machen, mit denen er sich „stärker“ fühlt, beizubringen?

Kinder setzen sich doch nicht hin und sagen „So, gib mir mal eine Schnur, ich will Schleife lernen.“ Wir müssen auch keine Schleifenpuppen, Bücher oder sonstiges kaufen, wenn wir einfach den Alltag und die Situation und die intrinsische Motivation der Kinder voll auskosten, um sie lernen zu lassen. Mein Sohn hatte bisher nur Klettschuhe an, um seine Selbstständigkeit beim Anziehen zu unterstützen. Wenn ich es mir nun genau überlege, haben wir sie dadurch eingeschränkt, denn das Schleifebinden konnte er noch nicht lernen, weil wir ihm die Erfahrung vorenthalten haben - und ja, ich habe ihm auch nie Schnürschuhe gekauft, weil ich ihm nicht den von mir befürchteten Kommentaren der pädagogischen Fachkräfte aussetzen wollte, wie „Wieder ein Kind mit Schnürschuhen… die sind so unpraktisch… so kann sich das Kind ja nicht allein anziehen…“. Ich kenne diese Kommentare aus der eigenen Praxis.

Dabei liegt im gemeinsamen Schleife binden so eine schöne Chancen der Interaktion und eines wohlwollenden Gesprächsanlass und es dauert nicht länger als 2 Minuten. Ich würde mir wünschen, dass wir Pädagog:innen es wieder mehr schaffen solche Momente nicht als Belastung wahrzunehmen, sondern als wertvollen Moment, in dem wir Kindern wirklich etwas zeigen, beibringen und vorleben können. Natürlich weiß ich, dass es echt viel ist, 16 Kindern die Schuhe zu zubinden, aber mal ehrlich, eigentlich sind Schnürschuhe dank rücksichtsvoller Eltern, doch eher die Ausnahme 😉

Nachdem mein Kind nun so traurig nach Hause kam, überlegten wir, ob es eine Möglichkeit gab die Schuhe trotzdem zu tragen. Schleife zu lassen und den Schuh mit Schuhanzieher an und ausziehen funktionierte nicht. Schnürsenkel in die Schuhe stopfen und den Schuh „offen lassen“ geht für einen Fußballer auch nicht und eins war klar, mein Sohn würde sich nicht nochmal „die Blöße“ geben und jemanden um Hilfe beim Schnürsenkel binden, fragen.

Für ihn gab es nur eine Lösung, er musste Schleife lernen. Am Freitag zog er seine Klettschuhe in den Hort an und befolgte somit der Aufforderung der Erzieherin, nicht mehr mit Schuhen zu kommen, die er sich nicht allein anziehen konnte. Samstag gingen wir morgens zum Fußball spielen in den Garten. Er setzte sich hin und meinte zu mir „Mama ich probiere es jetzt nochmal ganz allein. Papa hat mir das gestern nochmal anders erklärt, als du.“ Es dauerte keine 2 Minuten und mein Kind saß mit einem breiten Lächeln da und konnte es selber kaum fassen, dass es geklappt hat. Er hatte seine erste Schleife gebunden und probierte es von sich aus gleich nochmal „um es zu üben und nicht wieder zu vergessen“.

Was zeigt uns das? Es braucht verschiedene menschliche Vorbilder und Modelle, mit unterschiedlichen Herangehensweisen, um etwas zu lernen.

Hier war meine Erklärung zum Schleife binden scheinbar nicht das richtige Modell, sondern die Erklärung meines Mannes, vielleicht wäre es aber auch die Erklärung der Erzieherin oder eines Freundes gewesen. Es gibt immer mehrere Wege, um neues zu lernen und manche Lernerfolge beruhen auch nicht auf der Erklärung an sich, sondern auf der Beziehungsebene, auf der wir einander begegnen, die Worte die wir wählen und die Situation in der wir einander begegnen.

Was noch wichtiger ist, es braucht intrinsische Motivation. Intrinsische Motivation ist der Schlüssel zum Erfolg. Mein Kind hat mir dies im letzten Jahr so oft gezeigt. Er hat von einem Moment zum anderen entschieden, jetzt Fahrrad zu fahren und es davor nur wenige Male mit Hilfe und viel Frust probiert. Dann kam der Tag an dem er auf sein Fahrrad stieg und plötzlich einfach losfuhr. Ehrlich gedacht, war meine Befürchtung, dass das noch sehr lange dauern würde. Er war so stolz und mein Mann und ich, schauten uns ungläubig an, als er eine Runde nach der anderen um unser Haus fuhr. 

Er beschloss am ersten Badetag nach der Winterpause und einer viertel Stunde im Wasser, seine Schwimmflügel abzulassen und schwamm los.

Er selber spürt, wann er soweit ist und wenn er es aus seiner Motivation heraus machen möchte, schafft er es.

Ein Mensch ist intrinsisch motiviert, wenn er eine Tätigkeit um ihrer selbst willen ausführt, weil er diese als interessant, befriedigend oder sinnvoll empfindet. Dabei steht die Freude an der Aufgabe und dem selbst gesetzten Lernziel im Vordergrund, ohne dass äußere Anerkennung eine Rolle spielt.

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